Interviews

Sven Murmann ist Verleger und geschäftsführender Gesellschafter des Verlags- und Medienhauses Murmann Publishers. Er studierte Philosophie, Politische Wissenschaften und Psychologie in München und Cambridge (USA). Es folgten die Promotion im Fachgebiet Politische Philosophie und eine Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Universität Zürich. Seit 2002 hat er einen Lehrauftrag für Philosophie im Studium Generale an der Bucerius Law School in Hamburg.

Sven Murmann engagiert sich ehrenamtlich unter anderem als Vorsitzender des Stiftungsrates beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) und als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw).

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?
Freiheit und Verantwortung sind für mich die wichtigsten Werte. Wenn wir den Wertebegriff zu einer normativen Größe machen, wie wir ihn im Grundgesetz verankert haben, dann gilt Freiheit durchaus auch als Wert. Für mich geht die wirtschaftliche Freiheit dann einher mit sozialer Verantwortung. Verantwortung sowohl innerhalb eines Unternehmens als auch gegenüber der Gesellschaft. Das bedeutet, dass alle Menschen der normativen Rahmenordnung entsprechend handeln sollten. Für mich sind Freiheit und Verantwortung daher das leitende Begriffspaar, nicht nur beruflich, sondern auch im privaten Umfeld.

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?
Zu unser aller Frustration können auch solche Unternehmen, die nicht nach wertorientierten Leitsätzen handeln und eindimensional wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund stellen, sehr robust sein. Wir sehen auch immer wieder Fälle von großen, korrupten Organisationen und Unternehmen, die oft über viele Jahre hinweg ein gravierendes Verantwortungsversagen vertuschen können. Ich glaube daher, dass es schwierig ist, zu sagen, Wertschätzung bringt zugleich auch Wertschöpfung. Es kommt sehr auf die agierenden Persönlichkeiten an. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Wertschätzung echt oder nur vorgetäuscht ist und welche Wertschöpfung wir meinen. Eine rein materielle Wertschätzung in Form von Incentives bringt erwiesenermaßen keine höhere Wertschöpfung, weil die agierenden Personen dann nur ihr eigenes Interesse im Blick haben. Anders ist es bei der immateriellen Wertschätzung in Form von Zuwendung und Anerkennung. Hierin sehe ich großes Potential. Ich bin davon überzeugt, dass motivierte Mitarbeiter, die Freude an ihrer Arbeit haben, auch wertschöpfend tätig sind.

Wichtig ist, dass wir in Unternehmen auch auf Strukturen und Prozesse schauen. Organisationen müssen Routinen, Standards und Rituale entwickeln, die alle ermutigen, sich wertschätzend zu verhalten. Ich habe eine eher normative Vorstellung von Werten, denn Werte sind subjektiv. Jeder legt Werte auf seine Weise aus. Für den einen ist seine gesellschaftliche Verantwortung schon erfüllt, wenn er seine Steuern zahlt, der andere stiftet zugleich noch zehn Prozent seines Einkommens für soziale Zwecke. Daher ist es so wichtig, dass wir uns auf Standards einigen.

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?
Die Digitalisierung führt neue Werte in unsere Gesellschaft ein. Hierzu gehört die neue Transparenz von Daten, was zum Beispiel dazu geführt hat, dass Menschen ihre „Ichs“ in sozialen Medien öffentlich dokumentieren. Das hat es vorher nicht gegeben.

Bezogen auf Unternehmen haben wir es bei der Zusammenarbeit mit ganz neuen Wertvorstellungen und damit einhergehenden kulturellen Änderungen zu tun. Hierbei denke ich an Themen wie Agilität, die New Work Diskussion oder die sogenannte „Collaborative Work“. Das sind neue Wertvorstellungen, die sich sogar bis zu den Themen Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitskultur erstrecken.

Die entscheidende Frage ist nun, welche Werte wir diesem Schub an neuen Entwicklungen entgegenhalten, um uns davon nicht überrollen zu lassen. Hier spanne ich den Bogen zu meinen anfangs genannten Werten Freiheit und Verantwortung.

Ich glaube, dass der Wert der persönlichen Freiheit in Zeiten der Digitalisierung von großer Bedeutung ist. Hierzu gehört auch die Frage, wem unsere Daten gehören. Auch die Frage der Verantwortung halte ich für sehr wichtig, denn die Digitalisierung führt auch zu einer Technologisierung der Arbeitswelt. Es findet also eine Entpersonalisierung bis hin zur künstlichen Intelligenz statt. Das rückt die Frage in den Vordergrund, wer nun eigentlich verantwortlich ist. Wenn Robo-Advisor entscheiden sollen, haben wir eine neue Dimension von Verantwortung, die wir diskutieren müssen.

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?
Das Wort „Erziehung“ finde ich per se schwierig und würde hier lieber von Vermittlung sprechen. In meinem Umfeld komme ich häufig mit sehr zielstrebigen jungen Menschen zusammen, die genau wissen, was sie wollen. Oft steht die Frage nach dem Sinn der Tätigkeit und der work-life-balance im Mittelpunkt. Das lässt auf den ersten Blick eine verwöhnte und egoistische Haltung vermuten, ist aber bei genauem Hinsehen eine Orientierung an Werten, die der älteren Generation gut tut. Die Frage, ob wir so weitermachen sollten wie bisher, ist durchaus berechtigt.

Dabei sind wir wieder beim Thema Digitalisierung, die ja weitgehend von dieser jungen Generation getrieben wird, die ganz selbstverständlich in digitalen Welten agiert und vollkommen anders kommuniziert als die Generation 50-plus. Die jungen Menschen haben, aus meiner Sicht, hochgradig zukunftsfähige Wertvorstellungen. Wirtschaftlich halte ich diese Wertvorstellungen für erfolgversprechend, politisch halte ich sie teilweise für naiv.

Wir haben es bei den jungen Menschen sicherlich nicht mit einer neuen 68-er Generation zu tun, die sehr theoriegeladen und systemkritisch agiert. Junge Leute äußern und engagieren sich heute anders und möchten die Dinge heute schnell und einfach verbessern. Sie werden häufig unterschätzt, nur weil diese Generation nicht auf die Straße geht und neue Gesellschaftsmodelle entwirft.

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: Ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt, Werte erfolgreich leben?
Es gibt Entwicklungen im internationalen Umfeld, die ich wenig beeinflussen und verändern kann. Als selbständiger Unternehmer habe ich allerdings bei mir selbst und in meinem Umfeld viele Möglichkeiten, dagegen zu halten. Märkte sind unglaublich komplex und vielfältig. Es gibt immer Partner, die die eigenen Wertvorstellungen teilen und man muss nicht mit jedem Geschäft machen. Warum soll ich zum Beispiel mein Geschäftskonto bei einer Bank haben, die gerade in einen Korruptionsskandal verwickelt ist. Das ist das Gute an unserer demokratisch freiheitlichen Gesellschaft: Wir haben die Wahl.

Auch als Konsument kann ich Unternehmen meiden, die meine Wertvorstellungen nicht teilen. Jeder von uns hat viele Möglichkeiten, die Welt positiv zu verändern.

Allerdings braucht das seine Zeit. Wenn ich bedenke, dass ich bereits vor etwa 35 Jahren anfing, bewusster zu leben und zu konsumieren, sieht man, wie träge das System ist.

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und wenn ja, warum?
Vorbildfunktion haben für mich sowohl Personen als auch Institutionen, die verantwortlich handeln und sich selbst zurücknehmen, um die Sache in den Mittelpunkt stellen. Ich bewundere Menschen, die für ihre Werte einstehen, diese klar und deutlich kommunizieren und vor allem nicht die einfachen Lösungen suchen. Es ist wichtig, die Gesellschaft immer wieder herauszufordern, über ihr Handeln nachzudenken und neue Wege aufzuzeigen.

Zum Glück gibt es viele herausragende Menschen, die ich hier nennen könnte, doch einzelne Namen würden aus meiner Sicht in dieser Frage zu kurz greifen.

 

Dieses Interview führte die Journalistin Christiane Harriehausen.