Interviews

Masa Schmidt verantwortet bei Microsoft Deutschland den Bereich Modern Workplace Customer Success für die Branchen Retail, Professional Services, Automotive und Finance und berichtet in ihrer Rolle an die Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland. Mit ihrem Team unterstützt sie Unternehmen bei dem Einsatz der Technologien und damit einhergehend dem Change Management rund um den modernen Arbeitsplatz. In dem Zusammenhang beschäftigt sie sich als jüngste Führungskraft von Microsoft Deutschland stark mit dem Thema „Führung im digitalen Zeitalter“. Masa Schmidt ist seit 2013 bei Microsoft und war vor der jetzigen Rolle Team Lead für Business Applications. Darüber hinaus leitet sie Women@Microsoft in Deutschland. Sie setzt sich damit für mehr Inklusion und besonders für eine Chancengleichheit bei Frauen und Männer im Beruf ein. Masa Schmidt wurde 2019 mit dem Deutschen Exzellenzpreis als Managerin des Jahres ausgezeichnet.

Interview

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?

Eine Vielzahl an Werten ist für mich wichtig, aber ich möchte hier dennoch zwei besonders hervorheben: Vertrauen und Verantwortung.

Ohne Vertrauen funktioniert das menschliche Miteinander nicht. Vertrauen ist die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit und für Transformation. Gerade in Zeiten mit tiefgreifenden Veränderungen ist es wichtig, offen miteinander umzugehen; das bedeutet auch, sich kritisches Feedback geben zu können, den Status Quo immer wieder zu hinterfragen und so gemeinsam den Wandel zu gestalten. Vertrauen kommt nicht von allein, es entwickelt sich und muss immer wieder neu errungen werden. Das gilt nicht nur für das Vertrauen anderen gegenüber, sondern auch für das Vertrauen in sich selbst. Vertrauen darin, dass man Neues erlernen kann, dass man sich selbst verändern kann. Carol Dweck fasst diese Einstellung unter dem Begriff „Growth Mindset“ in ihrem Buch „Selbstbild“ schön zusammen.

Diese Veränderung muss aber aktiv mitgestaltet werden – deshalb ist Verantwortung übernehmen so wichtig.

Mein Drang, Verantwortung zu übernehmen, habe ich sehr früh gespürt. Als ich fünf Jahre alt war, verließen meine Eltern mit nur zwei Koffern und viel Mut ihre Heimat Jugoslawien, um sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Sie gaben viel auf, um mir eine gute Zukunft mit Perspektive zu ermöglichen. Diese Erfahrung hat meinen Sinn für Verantwortung – nicht nur für mein Leben, sondern auch für die Gesellschaft – stark geprägt.

 

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?

Wertschätzung ist für mich ein Katalysator für Wertschöpfung. Wer andere wertschätzt, handelt empathisch und fördert die Weiterentwicklung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viel zu oft beobachte ich in Unternehmen, dass hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden, aber ihnen dann diktiert wird, wie sie ihren Job zu machen haben. Dieses fehlende Vertrauen führt dazu, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Verantwortung abgeben. Und das ist schädlich für die Entwicklung und damit auch die Wertschöpfung des Unternehmens. Wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen, wird auch die eigene Meinung zurückgehalten und es gibt in der Regel keine kritische Auseinandersetzung. Dadurch wird es schwer, Innovationen voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund ist für mich Wertschätzung ganz entscheidend für den unternehmerischen Erfolg.

 

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?

Ich glaube nicht, dass wir neue Werte brauchen – es geht eher darum, sich auf Werte zu besinnen, die uns in einer Zeit, in der sich sehr schnell sehr viel verändert, helfen können. Achtsamkeit, also den Moment ohne Wertung bewusst zu erleben und auf sich zu hören, ist dabei sehr wichtig. Man baut durch diese Haltung einen starken Geist auf, was sich in stressigen und unruhigen Zeiten positiv auf alle auswirkt.

Unternehmen sollten ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verstärkt Angebote zum Thema „Mindfulness“ und mentale Gesundheit machen. Dazu gehört, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst einmal für das Thema zu sensibilisieren und ihnen dann auch konkrete Hilfestellungen anzubieten. Wir alle müssen lernen, in dieser temporeichen Welt unsere persönlichen Grenzen zu erkennen und unsere Resilienz stärken. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist es wichtig, psychische Widerstandsfähigkeit zu entwickeln. Das wird eine der Kernkompetenzen der Zukunft sein. Führungskräfte können hier viel bewegen, wenn sie sich dem Thema in ihrem Unternehmen wirklich annehmen. Glücklicherweise beobachte ich in Deutschland gerade einen Wandel in diese Richtung. Viele Managerinnen und Manager haben erkannt, dass sie mit dem Führungsstil der Vergangenheit in der heutigen Zeit nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

Daher ist für mich Offenheit der zweite sehr wichtige Wert in unserer Zeit. Auch und gerade, wenn man bereits viele Jahre in einer Führungsposition ist, sollte man offen für Veränderungen bleiben und bereit sein, Impulse von außen aufzunehmen. Offenheit gegenüber neuen Technologien, der Veränderung der eigenen Kompetenzen oder auch anderen Kulturen gegenüber.

Wenn wir dem Neuen mit einem positiven Narrativ begegnen und statt der Herausforderungen mehr die Chancen sehen, wird Diversität zugelassen. Dadurch erreichen wir einen höheren Grad an Innovation und Produktivität.

 

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?

Ich beobachte bei jungen Menschen einen Drang nach Veränderung, allen voran die Bestrebung, mitzugestalten, die sich zum Beispiel an der Bewegung „Fridays for Future“ zeigt oder auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns. Unternehmen müssen sich heute viel häufiger damit auseinandersetzen, wie sie der Arbeit eine gesellschaftliche Bedeutung verleihen. Das sehe ich auch bei uns im Unternehmen. Junge Menschen möchten Verantwortung übernehmen und mitgestalten – jedoch muss dabei die Frage nach dem Sinn beantwortet sein.

Zudem beobachte ich, dass die Generation, die gerade in den Berufsalltag einsteigt, weniger Respekt vor Traditionen hat. Genau das brauchen wir, um am Status Quo überhaupt rütteln zu können und Transformation und Innovation voranzutreiben. Während Hierarchie früher in Unternehmen selbstverständlich war, werden Führungskräfte und ihre Entscheidungen heute ganz anders von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf den Prüfstand gestellt. Es ist anstrengender, immer wieder hinterfragt zu werden, ich glaube aber, dass uns das letztlich auch zu besseren Führungskräften macht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen nicht mit jeder Maßnahme konform gehen, aber die Frage nach dem Warum und ihre Erläuterung sind heutzutage sehr wichtig.

 

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt Werte erfolgreich leben?

Es fängt mit der Integrität jedes einzelnen an. Simone Menne, die von 2012 bis 2016 als erste Frau im Vorstand der Lufthansa saß, hat einmal zwei Regeln genannt, die für Aufsichtsräte sehr wichtig sind: „Sie fragen sich selber, möchte ich es meiner Mutter erzählen, oder möchte ich es morgen in der Zeitung lesen, und wenn es so ist, dass Sie beides nicht wollen, dann machen Sie was falsch“. Das bringt es auf den Punkt. Jeder Mensch ist doch im Grunde sein eigener Aufsichtsrat und muss für sein Handeln Verantwortung übernehmen.

Sehr wichtig ist es, das Konzept des auf Verletzlichkeit basierenden Vertrauens zu fördern. Konkret bedeutet das, dass Führungskräfte in Unternehmen eine Atmosphäre schaffen, in der sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestärkt fühlen, auf Missstände hinzuweisen. Integrität vor Loyalität halte ich für sehr wichtig. Eine Mitarbeiterin bzw. ein Mitarbeiter handelt integer, wenn sie bzw. er spürt, dass das im Unternehmen wertgeschätzt und gefördert wird.

Das Handeln der Führungskräfte wird täglich bewertet und mit dem Leitbild des Unternehmens abgeglichen. Nur wenn beides miteinander übereinstimmt, wirkt die Führungskraft authentisch.

 

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und wenn ja, warum?

Für mich ist der CEO von Microsoft, Satya Nadella, ein Vorbild, weil er Werte wie Integrität, Empathie, aber auch Mut und Nachhaltigkeit sehr stark verkörpert. Er sagt, was er tut, und er tut, was er sagt. Als er im Jahr 2014 seine Position antrat, hat er sofort einen starken Fokus auf das Thema Kultur im Unternehmen gesetzt und den Menschen in den Mittelpunkt gestellt.

So hat er es geschafft, bei Microsoft einen Kulturwandel anzustoßen: Von den wenig miteinander arbeitenden Abteilungen hin zu einem gut funktionierenden Eco-System, wo Informationen geteilt und Synergien zwischen den Organisationen genutzt werden.

 

Beeindruckend war auch, wie Nadella sein Amt antrat. In dem ersten Treffen mit seinem Leadership Team hat er jedem ein Buch geschenkt.

Es handelt sich um den Titel „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg. Das Handlungskonzept setzt Mitgefühl und Empathie als Eckpfeiler einer effektiven Kommunikation.

Hinzu kommt ein offener und konstruktiver Umgang mit Fehlern, die Nadella auch mit der Belegschaft diskutiert. Das motiviert jeden Einzelnen, offen mit den eigenen Fehlern umzugehen, und sie als wichtige Erfahrungen anzusehen.

Insgesamt ist die Transformation von Microsoft ein gutes Beispiel dafür, wie Wertschätzung Wertschöpfung treiben kann. Microsoft hat dieses Jahr die magische Billionen-Marke an der Börse überschritten.

 

Dieses Interview führte die Journalistin Christiane Harriehausen.