Interviews

Stephan Gemkow (Jahrgang 1960) ist seit 1. August 2012 Vorsitzender des Haniel-Vorstands und Arbeitsdirektor. Neben der Gesamtstrategie trägt er die Verantwortung für die Bereiche Unternehmensentwicklung/M & A, Personal, Recht, Revision, Gesellschafter und Kommunikation. Nach ersten Berufsjahren als Unternehmensberater für die BDO Deutsche Warentreuhand AG arbeitete der Diplom-Kaufmann seit 1990 in verschiedenen Führungspositionen im Lufthansa-Konzern, davon zuletzt sechs Jahre als Mitglied des Vorstands für Finanzen und seit 2009 auch für Aviation Services. Gemkow ist Aufsichtsratsvorsitzender der TAKKT AG, Mitglied im Verwaltungsrat der Flughafen Zürich AG, im Board of Directors der JetBlue Airways Corporation, New York, sowie im Board of Directors der Amadeus IT Group, Madrid.

Interview

Welche Werte haben für Sie besondere Bedeutung und warum?

Für mich sind die Werte Integrität und Vertrauen am wichtigsten. Integrität beinhaltet für mich eine innere Haltung, die sich an Maßstäben orientiert. Das bedeutet, dass mein Handeln für mein Gegenüber berechenbar wird und man sich auf die Gültigkeit dieser Maßstäbe verlassen kann. Insofern liefert für mich die Integrität auch die Grundlage für Vertrauen.

Vertrauen beinhaltet Berechenbarkeit, Orientierung und Nachhaltigkeit im Verhalten. Vertrauen ist somit ein besonderer Wert, weil er sich nicht erzwingen oder kurzfristig erreichen lässt. Man muss also in Vertrauen investieren, erst dann wird daraus ein Wert. Beziehungen sind dann belastbar, wenn man einen Menschen in einer schwierigen Situation erlebt hat und erfährt, dass man ihm vertrauen kann.

Aus diesem Grund sind für mich Integrität und Vertrauen die „secret sources“, also das, worauf es wirklich ankommt.

 

Mit welchen Werten kann ein Unternehmen langfristig erfolgreich am Markt agieren? Bringt Wertschätzung auch Wertschöpfung?

Ja, Wertschätzung bringt Wertschöpfung. Wertschätzung ist aber nur eine notwendige und keine hinreichende Bedingung, wie es in der Mathematik so schön heißt. Heute wird viel von Kundenzentrierung gesprochen. Ich bin überzeugt, dass man das beste Geschäftsmodell vergessen kann, wenn man seine Kunden nicht wertschätzt. Das gilt auch für die Mitarbeiter, denn hier im Westen kämpfen wir mit der demographischen Entwicklung. Gute Mitarbeiter suchen sich aus, für wen sie arbeiten. In der Venture-Capital-Szene ist die Situation übrigens vergleichbar: Die guten Startups haben keine Knappheit an Kapital. Im Gegenteil, sie suchen sich ganz gezielt ihre Venture Capital Fonds aus und erhalten eine entsprechende Wertschätzung.

Dennoch reicht Wertschätzung allein für eine erfolgreiche Unternehmung nicht aus. Erfolg braucht gute Produkte und eine hohe Qualifikation der Mitarbeiter. Märkte verändern sich in einem nie dagewesenen Ausmaß und in einer hohen Geschwindigkeit. Auch die Wettbewerbssituation kann sich aufgrund der Globalisierung, Digitalisierung und Technisierung schnell verändern. Amazon beispielsweise hat früher nur Bücher verkauft – und ist heute fast überall ein Wettbewerber. Auch können heute kleine Startups mit entsprechender Technologie größeren Unternehmen durchaus gefährlich werden. Das gab es früher in dieser Form nicht. Die Welt ist viel dynamischer und unvorhersagbarer geworden. Prozesse finden in Echtzeit statt und die Kontrolle wird zunehmend Algorithmen übertragen. Dadurch nimmt das menschliche Verständnis von technischen Prozessen und Produkten rapide ab. Daher muss man sich immer mehr auf das Funktionieren technischer Prozesse verlassen – und noch mehr auf die Menschen, die diese Technologien entwickeln.

Ausdruck von Vertrauen ist für mich auch das Modell des „Ehrbaren Kaufmanns“, das heute allerdings nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung stößt. Es ist integraler Bestandteil des Haniel-Wertekanons und hat zu intensiven Diskussionen geführt. Manche Menschen prangern seine Beliebigkeit an. Ich entstamme der Thomas-Mann-Stadt Lübeck und kann mich mit dem Prinzip absolut identifizieren. Als gebürtiger Hanseat habe ich ganz klare Vorstellungen davon, was ich unter dem Begriff des „Ehrbaren Kaufmanns“ verstehe. Jeder von uns weiß doch im Grunde, was erlaubt ist und was nicht. Wer solche Modelle ablehnt, möchte sich nicht zuletzt die Freiheit vorbehalten, egoistisch zu handeln. Diese Einstellung basiert auf dem Motto: Was nicht strafbar ist, ist erlaubt.

Ich hingegen glaube, dass Führungskräften, die nach dem Prinzip des „Ehrbaren Kaufmanns“ handeln, besser in der Lage sind, Vertrauen zu schaffen und langfristige geschäftliche Beziehungen aufzubauen. Rechtlich ist das Geschäft per Handschlag heute kaum noch möglich, aber es ist ein Symbol dafür, wie es eigentlich laufen sollte.

Die Digitalisierung schreitet voran. Brauchen wir neue Werte in unserer neuen digitalen Welt, die gerade mit einer unglaublichen Schnelligkeit unser aller Leben verändert?

Ich denke nicht, dass wir neue Werte brauchen. Im Gegenteil: Je schneller sich die Welt dreht, desto größer ist das Bedürfnis nach erlernten, bekannten und nachhaltig wirksamen Werten. Aus meiner Sicht muss es sogar eine Art Gegenbewegung geben. Wir alle sollten uns wieder viel stärker an das zurückerinnern, was uns in der Kindheit aus gutem Grund beigebracht wurde. Im christlichen Abendland gibt es die zehn Gebote, die unverändert aktuell sind. Wir brauchen hier gar nicht viel zu verkomplizieren. Die Einfachheit und Klarheit, die sich in diesen „Regeln“ manifestiert, ist unverändert gut.

Das lässt sich auch auf die Digitalisierung übertragen. Wir erleben heute ein blindes Vertrauen in Algorithmen und Programme. Zwar spielen, zumindest beim autonomen Fahren, ethische Fragen eine Rolle, aber ansonsten werden die Folgen der Digitalisierung und Automatisierung nur wenig diskutiert. Ich halte es für schwierig, dass die Menschheit immer datengläubiger und das menschliche Urteilsvermögen immer weiter eingeschränkt oder sogar ausgeschaltet wird.

Integrität und Vertrauen werden daher in einer stark virtuell geprägten Welt an Bedeutung gewinnen. Wenn wir uns vor Augen halten, wie künstliche Intelligenz in demokratischen Systemen funktioniert, können letztlich über Data Analytics Aussagen an Wählergruppen getestet werden und die Themen, die am besten scoren, werden in ein Wahlprogramm aufgenommen. Ein Wahlprogramm könnte so die Addition von Teilaussagen werden, denen dann noch ein charismatischer Kopf vorangestellt wird und schon ist der Erfolg erreicht. Das könnte unser Verständnis von Demokratie komplett aushöhlen.

Doch nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft ist technisch bereits viel möglich. Ich denke hier etwa an fortgeschrittene Sprachassistenten, deren Funktionsweise heute kaum noch Jemand vollständig durchblickt. Hier brauche ich sehr großes Vertrauen in das Unternehmen, das diese Produkte anbietet, weil ich nicht weiß, was mit meinen Daten geschieht.

 

Werteerziehung gehört zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Mit welchen Wertvorstellungen gehen junge Menschen heute ins Leben und sind diese Wertvorstellungen zukunftsfähig?

Es ist schwierig, von „der Jugend“ zu sprechen, weil es diese de facto nicht gibt. Menschen sind sehr unterschiedlich, egal wie alt sie sind. Aber dass sich junge Teams in Startups zusammenfinden und etwas Neues schaffen wollen, das ist ein Trend, den es bisher in dieser Form aus meiner Sicht nicht gegeben hat. Daraus entstehen gerade viele spannende Projekte, die sich unter anderem mit sozialen und umweltpolitischen Themen auseinandersetzen.

Auf der anderen Seite sehe ich eine Jugend, die kurzfristigen Trends folgt und  sich Mainstream konsumierend treiben lässt. Vor allem der unkritische Umgang mit sozialen Netzwerken und die Verkürzung von Aufmerksamkeitsspannen bei jungen Menschen finde ich bedenklich. Wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, umfangreichere Informationen wie etwa die in einer Zeitung oder einer Dokumentation mental zu verarbeiten, dann schwant mir Böses für die zukünftigen Generationen. Wenn wir uns nicht mehr mit komplexeren Sachverhalten auseinandersetzen können und das Denken buchstäblich verlernen, dann geben wir unsere Selbständigkeit und Eigenverantwortung irgendwann ab.

Die große Gruppe der Unkritischen und rein auf Konsum und Bequemlichkeit bedachten Menschen gibt dieses Verhalten an die nächste Generation weiter. Wie sollen Kinder dann überhaupt die Chance haben, ein erfolgreiches Wertesystem kennenzulernen und sich eigenverantwortlich in dieser Gesellschaft zu positionieren? Das lässt sich auch mit PC-Ausstattungen an Schulen nicht ausgleichen.

Auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos habe ich an einem Workshop von drei Professorinnen der Universität Yale teilgenommen, in dem es um die Frage ging, wie sich Glück rein medizinisch äußert. Die Wissenschaftlerinnen stellten sich zum Beispiel die Fragen: Wie reagieren Menschen auf Incentives und warum? Wie funktioniert Meditation? Das war sehr faktenbasiert, aber hochspannend. Es zeigte sich, dass monetäre Anreize nur bis zu einem gewissen Grad funktionieren und man sah auch, dass viele Leute gar keine Vorstellung davon haben, was für sie Glück ist und daher auch nicht wissen konnten, wie sie es erreichen sollten. Der berühmte Lottogewinn ist für sich genommen auch kein Glücksgarant, denn Glück manifestiert sich selten an Äußerlichkeiten. Bei diesem Thema könnten wir sicherlich gerade bei jungen Menschen noch bewusster ansetzen.

 

Korruption, Ränkeschmiede, Vetternwirtschaft: ein Blick auf die globalisierte Welt stärkt nicht gerade das Vertrauen in funktionierende Wertesysteme. Wie können wir in unserer alles andere als perfekten Welt Werte erfolgreich leben?

Man muss stur sein. Es bedarf eines gewissen Rückgrats, denn gegen den Strom zu schwimmen ist eine Kraftanstrengung. Es ist sicherlich richtig, dass es je nach Kulturkreis unterschiedliche Geschäftsgebaren gibt. Doch genau aus diesem Grund ist es umso wichtiger, sich auf allgemeingültige Regeln zu besinnen. Integrität, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit werden in jeder Kultur hochgeachtet.

Doch wenn Menschen mehr auf ihre Bequemlichkeit und das schnelle Geld bedacht sind, wird es schwierig, Ethik in Unternehmen zu leben. Wenn es nur um die Ziele geht, schneller reich zu werden und kurzfristige Erfolge zu erzielen, wird das Bild der Wirtschaftslenker in der Gesellschaft sicherlich nicht besser werden. Der Wertekompass ist das Gerüst. Daran sollten sich auch die Chefs der Unternehmen halten und ihre Machtposition nicht missbrauchen, um zum Beispiel Firmengelder für die eigene Hochzeitsfeier einzusetzen, wie das anscheinend beim Chef von Renault-Nissan-Mitsubishi Carlos Ghosn der Fall war.

 

Welche Persönlichkeit des öffentlichen Lebens hat für Sie wirklich Vorbildfunktion und wenn ja, warum?

Mit dem Thema Vorbild tue ich mich insgesamt schwer, weil es den perfekten Menschen einfach nicht gibt. Daher habe ich mir über viele Jahre eher angeschaut, was der Einzelne besonders gut kann, so dass ich mir aus diesem Mosaik der Persönlichkeiten einen Rahmen für mein Handeln zurechtgelegt habe.

Allerdings war es mir in jüngster Zeit vergönnt, einen Mann kennenzulernen, der mich wirklich beeindruckt hat: den ehemaligen amerikanischen Vier-Sterne-General Stanley A. McChrystal. Er war unter anderem Oberbefehlshaber im Irak und hatte das Oberkommando über die alliierten Streitkräfte in Afghanistan. Nach seinem Austritt aus der Armee gründete er eine erfolgreiche Beratungsfirma und ist heute ein gefragter Gesprächspartner für Führungskräfte aus aller Welt. Dieser Mann hat in seinem Leben schon viele Extremsituationen gemeistert. Aber er ist, bei all den Herausforderungen seiner Karriere, demütig und gradlinig geblieben und verfügt über eine unglaubliche Empathie und soziale Intelligenz. Ich habe selten einen Menschen erlebt, der in unterschiedlichen Bereichen über eine so hohe Kompetenz verfügt und dabei bodenständig und humorvoll geblieben ist.

Dieses Interview führte die Journalistin Christiane Harriehausen.